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ÜbergreifendeSystemverantwortung

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ÜbergreifendeSystemverantwortung

Audit in der Leitwarte der Petrochemischen Anlage
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Es gibt bereits eine große Zahl von Unternehmen, die ausgehend von einem bereits vorhandenen Qualitätsmanagementsystem auch den Umweltschutz in das System integriert haben. Dagegen sind es erst relativ wenige Unternehmen, die auch die Aspekte der Arbeitssicherheit bzw. der Anlagensicherheit in ein gemeinsames Managementsystem einbeziehen.

Dr. Peter Schaff, Geschäftsführer, TÜV Management Service GmbH, München und Dipl.-Ing. Ulrich Wegner, Lead-Auditor, TÜV Management Service GmbH, München

Im folgenden soll ein Unternehmen vorgestellt werden, das diese Integration seit längerer Zeit bereits durchgeführt hat und es wird von den Erfahrungen berichtet, die dabei aus der Sicht der Auditoren und des Unternehmens gewonnen wurden.
Seit 1995 zertifiziert
Die Borealis Polymere GmbH in Burghausen stellt mit insgesamt 125 Mitarbeitern die Kunststoffe Polypropylen und Polyethylen her. Sie ist ein Tochterunternehmen der Borealis Holding GmbH und gehört zum Borealis Konzern, der an europäischen Standorten in Österreich, Deutschland, Dänemark, Belgien, Finnland, Norwegen, Portugal und Schweden etwa 5400 Mitarbeiter beschäftigt und Anlagen zur Kunststofferzeugung betreibt.
Bereits 1995 wurde erstmals das Qualitätsmanagement nach DIN EN ISO 9002 zertifiziert, im Jahr 1996 erfolgte die Beteiligung am EMAS System für Umweltmanagement und die Zertifizierung nach DIN EN ISO 14001 gleichzeitig mit der Überprüfung des Arbeitssicherheitsmanagementsystems nach dem englischen Standart BS 8800.
Im Umweltschutz sind die Erfolge der bisherigen Bemühungen zu erkennen und es wurden in den letzten Jahren bei einer Ausweitung der Produktionskapazitäten die spezifischen Verbräuche z.B. an Elektroenergie und Wasser kontinuierlich reduziert.
Nach deutlichen Erfolgen in der Arbeitssicherheit hat sich der Konzern ehrgeizige Ziele auch für die nächsten Jahre gesteckt um im Bereich Arbeitssicherheit Unfallraten und unfallbedingte Ausfälle von Mitarbeitern weiter zu reduzieren.
Blickwinkel der Zertifizierorganisation
Voraussetzungen
Welche Aspekte sind aus der Sicht der Auditoren bei einer integrierten Zertifizierung zu beachten?
Die integrierte Zertifzierung setzt voraus, dass bei dem Unternehmen die Integration der Verantwortlichkeiten für die Themen Sicherheit, Qualität und Umweltschutz intern erfolgreich umgesetzt worden ist. Das ist nicht selbstverständlich, da es immer zu Problemen bei der Zusammenlegung von Systemverantwortlichkeiten kommt und angestammte Positionen ggf. verändert und manchmal auch aufgegeben werden müssen. Hilfreich ist es, wenn dabei eine gemeinsame Funktion für die genannten Themen eingerichtet wurde, wie etwa ein Gesamtbeauftragter für alle Managementsysteme oder eine übergeordnete Leitungsfunktion für das Managementsystem und zugeordnete Fachfunktionen mit Spezialisten für die einzelnen Aspekte.
Das Vorhandensein einer einzigen integrierten Managementdokumentation ist keine Voraussetzung für ein integriertes, externes Audit. Im Ergebnis der Zusammenführung der Systeme ist es aber meistens die logische Konsequenz des Zusammenwachsens der verschiedenen Aspekte. Auch die Borealis hatte bereits 2000 in Zuge der stärkeren Prozessorientierung der Dokumentation ein integriertes Handbuch erstellt.
Darüber hinaus betreffen fast alle weiteren Anforderungen die Auditoren selbst. Da durch die Akkreditierungsstellen eine Berufung als Auditor nur bei solider branchenspezifischer Berufserfahrung möglich ist, müssen geeignete Auditoren gefunden werden, die möglichst in zwei oder sogar mehr Gebieten eingesetzt werden können. Je flexibler der Auditor in den Bereichen Sicherheit, Umwelt und Qualität arbeiten kann, um so weniger Restriktionen ist die Auditplanung ausgesetzt und um so einfacher gestaltet sich der Auditablauf.
Erfahrungen
Welche Erfahrungen haben sich aus der Auditpraxis heraus ergeben?
Völlig problemlos und mit hohen Synergieeffekten lassen sich die Audits grundsätzlich bei allen Bereichen integriert durchführen, wo durch das Managementsystem vorgegebene Systemabläufe überwiegen. Dies betrifft die folgenden Bereiche:
– Verantwortung der Leitung/Managementreview
– Korrektur- und Vorbeugungsmaßnahmen
– interne System-, Prozess-, Umwelt und Sicherheitsaudits
– Kommunikation
– Kontinuierlicher Verbesserungsprozess, Ziele und Programme
– Schulung
Hohe Analogien in den grundsätzlichen Abläufen aber unterschiedliche Anforderungen insbesondere zu Qualitäts- und Umweltaspekten ergeben sich bei
– Einkauf und Beschaffung
– Entwicklung
Dennoch macht es Sinn, auch hier gleichzeitig alle drei Normaspekte zu betrachten. In folgenden Bereichen werden zusätzlich zu einer systematischen Vorgehensweise durch die Auditierung der Arbeitssicherheit wesentliche zusätzliche Themen eingebracht, da die operative Umsetzung diesbezüglich hinterfragt werden muß und sich somit die Auditschwerpunkte deutlich verlagern:
– Wartung/Instandhaltung
– Tätigkeiten von Fremdfirmen und Kontraktoren
Ablauf der integrierten Zertifizierung
In der Produktion und Fertigung selbst ergeben sich bei einer gemeinsamen Auditierung manchmal recht unterschiedliche Schwerpunkte. Bei einer mechanischen Serienfertigung etwa wird der Qualitätsauditor sich bei einzelnen Fertigungsprozessen für Eingangs-, Zwischen- und Endprüfungen sowie für Vorgaben für die Ablauflenkung und Aufzeichnungen interessieren. Als Umweltauditor achtet man auf die Abfalltrennung und die Ver- und Entsorgung der Medien und Betriebsmittel viel mehr, als auf den eigentlichen Fertigungsprozess. Unter Arbeitssicherheitsaspekten wiederum sind Fragen des Schutzes vor verletzungsträchtigen Maschinen und technischen Einrichtungen, Regelungen für das Tragen von persönlicher Schutzausrüstung und z.B. die Umsetzung von Arbeitsplatzanalysen von Interesse. Wenn zwei oder drei Auditoren hier gleichzeitig agieren wollen, kann das nicht besonders effektiv sein. Bei petrochemischen Anlagen wie im Fall der Borealis kommt das nicht so deutlich zum tragen, da die Anlagen selbst überwiegend geschlossene Systeme darstellen. Mit der Ausnahme von wenigen Bedienstationen, wie etwa für die Zugabe von Katalysatoren und Hilfsstoffen sowie einigen Probenahmestellen ist vor Ort in den Produktionsanlagen selbst wenig relevantes zu auditieren. Das Gespräch mit den Verantwortlichen für die Produktion findet überwiegend in der Messwarte statt und dreht sich dann wieder um alle drei Aspekte, die sich problemlos aneinander anfügen und sich auch logisch ergänzen. Die genannte Additivzugabe beispielsweise ergibt aufgrund des als reizend eingestuften Stoffes zunächst die Frage nach dem Arbeitsschutz, anschließend nach der Funktionsüberwachung der Filteranlage zur Vermeidung von Emissionen, danach nach Vorkehrungen des Explosionsschutzes und deren Regelung in der vorhandenen Betriebsanweisung sowie abschließ-end nach Vorgaben für die Eingangskontrolle des Additives. Dennoch sind einzelne Themen separat zu auditieren, da es kaum Entsprechungen in anderen Normen gibt:
– Kundenzufriedenheit (überwiegend Qualität)
– Beigestellte Produkte/Lenkung fehlerhafter Produkte (nur Qualität)
– Notfallmanagement (nur Umwelt und Sicherheit)
– Umweltauswirkungen (nur Umwelt)
Als wichtiger Gesichtspunkt bei der Planung ist außerdem zu berücksichtigen, daß für die Zertifzierungsgebiete eine unterschiedliche Auditdauer (nach Vorgaben der Akkreditierungsgesellschaft) erforderlich ist. Am längsten dauert ein Audit nach QS-9000 /VDA 6.1, gefolgt von ISO 9001, ISO 14001 und der geringste Zeitaufwand ist bei der Auditierung des Sicherheitsmanagements nach SCC/BS8800 anzusetzen. Dabei tritt je Unternehmensgröße für die genannten Normen ein Verhältnis im Zeitbedarf von etwa 4:3:2:1 auf. Bei einer simplen parallelen Auditierung durch mehrere Auditoren wäre also der Sicherheitsauditor schon längst fertig, wenn der Umweltauditor seine Themen abschließt und sein Qualitätskollege müßte noch einige Zeit zusätzlich in der Firma verbringen. Das bedeutet, dass die Auditplanung für ein integriertes Audit, auch wenn es nur durch einen oder zwei Auditoren abgewickelt werden soll, sehr sorgfältig durchzuführen ist und auch mehr Zeit in Anspruch nimmt, als sonst üblich. Ansonsten ergeben sich keine Nachteile, vielleicht mit Ausnahmen des höheren Anspruches an die Auditoren, die gedanklich permanent zwischen den einzelnen Zertifizierungsgebieten umschalten müssen, ohne den roten Faden zu verlieren. Lassen wir jedoch insbesondere auch das Unternehmen selbst erläutern, ob Vorteile mit der integrierten Vorgehensweise gesehen werden.
Teamverantwortung
Ein wesentlicher Vorteil eines integrierten HSEQ-Managementsystems besteht in der intensiven Nutzung von Synergien und Gemeinsamkeiten zwischen den einzelnen Themenbereichen.
Beispiele:
– Systeme zur Festlegung und zur Verfolgung der Umsetzung von Zielen (plan-do-check-review)
– Auditplanung
– Unternehmenspolitik
– Veränderungsmanagement
– Einstellung und Arbeitsweisen der Mitarbeiter
– Dokumentenlenkung
Ein erfolgreiches Gesamtmanagementsystem muß durch die operative Ebene getragen werden; dies bedeutet, dass die Linienorganisation für die Implementierung von Systemen und Regularien verantwortlich ist.
Geschäftsführer Dr. Schölm: „Die zweite Säule dieses Modells bilden die HSEQ-Beauftragten, Mitarbeiter des Unternehmens (eine externe Vergabe dieser Aufgaben halten wir nicht für sinnvoll, da wir HSEQ als Kernfunktion betrachten), welche die fachliche Unterstützung sicherstellen sollen. Dieses Team aus HSEQ-Beauftragten, welche auch in der Linienorganisation in verantwortlichen Positionen stehen, ist für die Weiterentwicklung unserer Systeme und für die Kommunikation innerhalb des Konzerns und zu Behörden und externen Stellen zuständig. Schwerpunkte dieser HSEQ-Support-Organisation bilden das Umweltteam, die Sicherheitsorganisation (Sicherheitsingenieur mit Tätigkeitsschwerpunkt in den Bereichen Arbeitnehmerschutz und Prozesssicherheit) der Arbeitskreis Gesundheit und die Qualitätsstelle.“
Alle Entscheidungen und Maßnahmen welche im Rahmen der Geschäftstätigkeit getroffen werden, werden nach HSEQ-Gesichtspunkten bewertet; dies beinhaltet eine konsequente Analyse der Auswirkungen von Veränderungsprozessen auf die Umwelt, die Gesundheit der Mitarbeiter, das Betriebsvermögen und die Qualität der Produkte – eine getrennte Betrachtung der HSEQ Einzelaspekte ist praktisch nicht mehr möglich, da die Themenbereiche verschmelzen (so ist beispielsweise bei der Emission von Stäuben sowohl der gesundheitliche Aspekt, als auch das Gefahrenrisiko der Staubexplosion und die Auswirkung auf die Umwelt zu betrachten. Eine integrierte Betrachtungsweise stellt sicher, dass alle HSEQ-Bereiche gleichwertig und vollständig beachtet werden.
HSEQ muss im Unternehmen Priorität genießen, durch die Verankerung in der Linienorganisation ist sichergestellt, dass HSEQ-Aspekte gegenüber dem operativen Geschäft nicht nachrangig behandelt werden; auch nicht bei Betriebsstörungen.
Diese Philosophie, welche am Standort Burghausen der Borealis umgesetzt ist, entspricht voll den Grundsätzen des Konzerns, im HSEQ-Bereich führend zu sein.
Durch die Einführung eines integrierten Managementsystems ist es gelungen, die Performance des Standortes kontinuierlich und nachhaltig zu verbessern.
Die ständige Anpassung des Qualitätsniveaus der Produkte an die steigenden Kundenanforderungen ist einer der positiven Aspekte, welcher auch wesentlichen Einfluss auf das betriebliche Ergebnis hat.
Im Umweltbereich konnte man den Verbrauch von Einsatz- und Betriebsstoffen sowie von Energien senken und damit auch einen Kostenvorteil für das Unternehmen realisieren.
Wesentliche, auch kostenwirksame Fortschritte wurden im Bereich Arbeitssicherheit und Gesundheit erzielt: das Unternehmen ist seit mehr als 2000 Tagen unfallfrei (meldepflichtige Unfälle), die Anzahl der Bagatell- unfälle (weniger als drei Tage bzw. ohne Arbeitsausfall) ist auf unter fünf pro Million Arbeitsstunden zurückgegangen.
Dr. Schölm: „Aus unserer Sicht ist die Auditierung des Gesamtsystems effizienter durchzuführen als die Zertifizierung der HSEQ-Bereiche in getrennter Form. Bei der Diskussion der einzelnen Prozessbereiche kann gleichzeitig auf alle Aspekte eingegangen werden, speziell bei der Diskussion mit Mitarbeitern der Linienorganisation. Die Effizienz und Bearbeitungstiefe bei der Diskussion der einzelnen Themen wird dadurch gesteigert.“
Die Einführung eines Gesamtmanagementsystems war – rückblickend gesehen – für Borealis ein erfolgreicher erster Schritt zur nachhaltigen Steigerung der HSEQ-Performance am Standort Burghausen. Ein wesentlicher Erfolg war die Änderung der Einstellung vieler Mitarbeiter, welche heute den Themen Gesundheit, Sicherheit, Umwelt und Qualität andere Prioritäten zuordnen als noch vor einigen Jahren.
Dies hat nicht nur zu einer gesteigerten Lebensqualität der Mitarbeiter geführt, sondern auch zu einer Verbesserung des Images des Standortes im Konzern, was für die Realisierung künftiger Standortentwicklungsstrategien von Vorteil sein wird.
Weitere Informationen A QE 304
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