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QM-Experte über Qualitätsmanagement und Nachhaltigkeit

Qualitätsmanagement-Experte von Vorwerk im Interview
„Nachhaltigkeit ist eine große Chance für Unternehmen“

Dr. Wilhelm Floer ist neben seiner Tätigkeit bei Vorwerk auch Mitglied im Qualitätsleiterkreis der DGQ. Bild: Vorwerk
Das Qualitätsmanagement bietet optimale Bedingungen, um auch das Thema Nachhaltigkeit abzudecken, glaubt Wilhelm Floer, Leiter QM Audit bei Vorwerk Elektrowerke. Im Interview erklärt er, warum das so ist, wie sich die Rolle des Qualitätsmanagers verändert und welche Daten relevant sind.

» Markus Strehlitz

Herr Floer, welche Rolle spielt Nachhaltigkeit in Bezug auf das Qualitätsmanagement?

Viele Organisationen beschäftigen sich mittlerweile deutlich intensiver mit Nachhaltigkeit und fragen sich dabei: Wo hängen wir das eigentlich auf? Häufig ist der Qualitätsmanager im Unternehmen auch der Energie- und Umweltmanagementbeauftragte. Schließlich gibt es zwischen den ISO-Normen 9001, 14001, 50001 viele Parallelen. Und dann heißt es: „Nachhaltigkeit ist ja eigentlich Umwelt und Energie. Und wir haben doch schon jemanden, der sich damit auskennt.“ In der Tat hat es gewisse Vorteile, wenn man dafür auf einen Experten aus dem Qualitätsmanagement zurückgreift.

Welche Vorteile sind das?

Ein Nachhaltigkeitsbeauftragter sollte gut vernetzt sein in der Organisation. Außerdem benötigt er eine gewisse Affinität zu Zahlen und einen Überblick über das Managementsystem. Dies alles trifft auf den Bereich Qualitätsmanagement zu. Im Qualitätsmanagement hat man quasi die Managementbrille auf und den End-to-End-Blick über die gesamte Organisation. Es gibt wenige andere Organisationselemente, die ähnlich gut vernetzt sind. Und es gibt noch einen weiteren Grund.

Und der wäre?

Im Qualitätsmanagement ist man es gewohnt, Zahlen und Daten zusammenzustellen, mit anderen Bereichen zu interagieren und dafür unter Umständen auch auf die Unterstützung anderer Kollegen und Kolleginnen angewiesen zu sein. Wir im Qualitätsmanagement wissen auch, wie es sich anfühlt, wenn man mal unangenehme Fragen stellen muss.

Von welchen Informationen sprechen wir denn im Zusammenhang mit Nachhaltigkeit?

Ich kann Ihnen das am Beispiel Vorwerk erklären. Ich arbeite bei Vorwerk Engineering. Das ist der Geschäftsbereich innerhalb der Vorwerk-Gruppe, der die Kobold-Staubsauger und Thermomix-Geräte entwickelt und produziert. Als wir vor einigen Jahren den ersten Nachhaltigkeitsbericht erstellt haben, ging es zum Beispiel um Fragen wie: Wie viele Geräte haben wir produziert? Wie viel Energie setzen wir pro produziertem Gerät ein? Wie viel Abfall entsteht dabei? Als Qualitätsmanager sowie Energie- und Umweltmanagementbeauftragter ist es relativ leicht, auf diese Zahlen zuzugreifen. Es gibt aber andere Informationen, die schwieriger zu bekommen sind.

Welche sind das?

Es sind etwa Informationen zu den Wegstrecken, welche die Waren auf dem Weg zum Kunden zurücklegen. Oder Zahlen zu den Entsorgungswegen der Produkte. Je vielfältiger die eigene Geschäftstätigkeit ist, desto mehr Daten werden gebraucht, die nicht immer direkt verfügbar sind. Nicht überall gibt es ein gut etabliertes Umwelt- und Energiemanagement, auf dem man aufbauen kann.

Kennzahlen zu erheben ist aber nicht mehr die klassische Arbeit des Qualitätsingenieurs.

Wir Qualitätsingenieure können uns nicht mehr nur damit beschäftigen, die Qualität zu kontrollieren und nur Kennzahlen zu erheben. Die Zeiten sind vorbei. Wir müssen Qualität managen und viel stärker in die Datenanalyse einsteigen. Die Zukunft wird sehr vielschichtig sein. Es wird nicht mehr nur um reine Qualitätsthemen gehen. Nachhaltigkeit wird immer mehr Bestandteil von Qualität, weil sie messbarer und vergleichbarer wird. In meinen Augen ist Nachhaltigkeit eine große Chance für ein Unternehmen. Und dafür muss man die richtigen Leute an Bord haben.

Die Rolle des Qualitätsmanagers hat sich ja ohnehin schon geändert in den vergangenen Jahren.

Richtig. Die Organisationsentwicklung wird künftig für den Qualitäter auch eine wichtige Aufgabe sein. Es geht dabei um die Frage: Welchen Beitrag können wir bei der Entwicklung zu einer agilen Organisation leisten? Das würde ich auch dem Thema Nachhaltigkeit zuordnen. Und diesen Beitrag können wir nicht leisten, indem wir nur Dokumente oder die Bauteilqualität prüfen.

Das bedeutet aber auch, dass auf die Qualitätsverantwortlichen zusätzliche Aufgaben zukommen, wenn das Thema Nachhaltigkeit abgedeckt werden soll. Da wird wahrscheinlich nicht jeder vor Begeisterung in die Luft springen.

Es wichtig, dass man die notwendigen Ressourcen zur Verfügung stellt. Wir haben zusammen mit der Geschäftsstelle der DGQ in Düsseldorf viele Gespräche zum Thema Nachhaltigkeit geführt. Und dabei hat sich herausgestellt, dass viele Qualitätsmanager mit dem Nachhaltigkeitsbericht noch zusätzlich belastet werden. Aber das ist nicht nachhaltig, sondern quick and dirty. Das wird nicht funktionieren. Es muss schon einen dezidierten Nachhaltigkeitsbeauftragten geben, der von einem Team unterstützt wird. Und es ist ein sinnvoller Ansatz, wenn dieser Nachhaltigkeitsbeauftragte Mitglied des Qualitätsmanagements ist. Aber – das sei auch angemerkt – es gibt keine One-fits-all-Lösung.

Hat das auch Auswirkungen auf die Software, mit denen das Qualitätsmanagement arbeitet? Brauchen die Systeme zusätzliche Funktionen?

Neben der klassischen Management-Dokumentation gibt es noch viele weitere Dinge, über die man in Sachen Nachhaltigkeit berichten muss. Denken wir doch einfach nur mal an das Thema Lieferkettensorgfaltspflichtengesetz im Rahmen der Nachhaltigkeit. Man muss zum Beispiel wissen, wie sich die Lieferanten in Bezug auf menschenrechtliche Risiken aufstellen. Man benötigt daher Systeme, die vor allem auch global einsetzbar sind. Wir bei Vorwerk beispielsweise arbeiten mit weltweit verteilten Lieferanten zusammen. Da muss man in anderen Dimensionen denken und das kann das klassische Qualitätsmanagementsystem nicht abdecken. Wir brauchen da zusätzliche Software-Unterstützung.

Wie groß ist denn generell der Druck für das Qualitätsmanagement, sich mit dem Thema Nachhaltigkeit zu beschäftigen?

Ab voraussichtlich 2024 gilt in der EU eine verschärfte Nachhaltigkeitsberichtspflicht für Unternehmen. Dann müssen im Geschäftsbericht neben den klassischen Finanzkennzahlen auch nicht-monetäre Kennzahlen berichtet werden. Diese Angaben werden vom Wirtschaftsprüfer geprüft werden. Die Erhebung von Nachhaltigkeitskennzahlen wird also deutlich anspruchsvoller, das Thema insgesamt verbindlicher. Hier haben viele Unternehmen bis 2024 noch einiges zu tun. Denn gefühlt ist das für mich in fünf Minuten.

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