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Stemmer-Imaging-Chef: „Wir erleben eine Transformation“

Chef von Stemmer Imaging im Interview
Arne Dehn: „Wir erleben eine Transformation“

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Arne Dehn ist sich sicher, dass Themen wie Edge Computing und Datensicherheit auch in der Bildverarbeitung zunehmend an Bedeutung gewinnen Bild: Stemmer Imaging
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Trends in der Bildverarbeitung, Auswirkungen der Digitalisierung und die Bedeutung von Cloud-Plattformen für die Branche – darüber spricht Arne Dehn , CEO von Stemmer Imaging, im Interview . Außerdem erklärt er, warum es beim Deep Learning noch viele Traumschlösser gibt.

Herr Dehn, welche Trends sehen Sie zur Zeit in der Bildverarbeitung?

Dehn: Zunächst sehen wir Qualitätssicherung und Bildverarbeitung nicht mehr nur im klassischen Produktionsbereich, sondern auch in Bereichen wie etwa Landwirtschaft oder Smart Infrastructure. Dort spielt Qualitätssicherung auch eine ganz wesentliche Rolle und die Bildverarbeitung wird dafür zunehmend eingesetzt. Dann gibt es natürlich noch den wichtigen Trend der Digitalisierung. Dabei geht es zum Beispiel um die Vernetzung von Maschinen. Und Bildverarbeitung spielt dort auch eine wichtige Rolle. Es gibt jedoch eine Studie von McKinsey, die zeigt, dass wir dabei über ein paar Leuchtturmprojekte noch nicht hinaus gekommen sind. Es gibt noch viel zu tun. Daneben sehen wir noch Trends auf Applikationsebene.

Und die wären?

Dehn: Ich spreche dabei von Anwendungen wie Vision Guided Robotics, Sorting, Nachverfolgbarkeit im Produktionsfluss und Materialanalyse. Auf der Produktebene gibt es dann außerdem die Trends Embedded Vision, 3D-Analyse und Infrarot. Außerdem gewinnt das Edge Computing in der Bildverarbeitung zunehmend an Bedeutung.

Die Einsatzfelder der Bildverarbeitung erweitern sich. Welche Rolle spielt eigentlich noch das Anwendungsfeld Qualitätssicherung für Stemmer Imaging?

Dehn: Bildverarbeitung kommt natürlich aus der Qualitätssicherung. Das ist ein ganz wichtiger Bereich, den wir weiterhin im Fokus haben. Wir machen heute 65 Prozent unseres Geschäfts im Produktionsumfeld. Aber Qualitätssicherung darf nicht nur auf den Production Floor reduziert werden, sondern muss breiter gesehen werden. Qualitätssicherung ist für alle Prozesse relevant.

Sie haben die Digitalisierung als einen wichtigen Trend genannt. Welche Auswirkungen hat diese auf die Bildverarbeitung?

Dehn: Zunächst mal müssen wir uns als Unternehmen digitalisieren. Das hängt stark damit zusammen, wie wir mit Kunden und Marktpartnern zusammenarbeiten. Wir arbeiten sehr stark in Projekten – besonders im Bereich der Entwicklungszusammenarbeit. Und dabei werden sehr viele Daten ausgetauscht. Das heißt, das Thema Datensicherheit ist entscheidend. Es wird in Zukunft ein ganz wichtiger Differentiator im Wettbewerb sein, auf dem höchsten IT-Sicherheitsstandard zu arbeiten. Dann geht es natürlich auch um die Digitalisierung bei unseren Kunden. Ich denke dabei an die Vernetzung von Anlagen und die Nutzung von Cloud-Applikationen. Die Bildverarbeitungs-intelligenz erfordert einen erhöhten Austausch von Daten. Und wir brauchen Konzepte, wie dieser Austausch mit der Cloud stattfinden wird. Dabei geht es auch um Fragen wie „Wo sitzt die Software? Wo findet die Bildverarbeitungslogik statt?“. Das wird in einem ganz anderen Kontext diskutiert, wenn man an die Plattformökonomie denkt.

Was heißt das?

Dehn: Wir glauben, dass auch Bildverarbeitungssoftware sich nicht anders verhalten wird als Software-Systeme in anderen Bereichen. Wir müssen unser gesamtes Leistungsangebot daran anpassen. Beim Prototypen angefangen, über das Test & Development bis zur Implementierung und Wartung von Bildverarbeitungslösungen – das alles wird sehr viel stärker über Plattformen bereit gestellt werden. Software-Angebote müssen auch über solche Plattformen darstellbar sein. In diese Richtung wollen wir uns entwickeln. Wie das genau aussieht, das werden wir in den kommenden Jahren sehen.

Generell wächst auch die Bedeutung der Software in der Bildverarbeitung.

Dehn: Ja. Wir verkaufen zwar viel Hardware. Aber die Software-Kompetenz ist sehr wichtig. Wir erleben eine Transformation, wie Intelligenz in Maschinen und Applikationen aufgebaut ist. Dabei geht es auch darum, wie man hochkomplexe Algorithmen auf eine möglichst bezahlbare Hardware bekommt. Stichwort Deep Learning. Es ist zwar sehr viel möglich, aber es muss auch bezahlbar bleiben und in Realtime abbildbar sein. Da wird noch sehr viel Innovation stattfinden. Wir sehen uns als Teil davon – immer mit dem Fokus Bildverarbeitung natürlich.

Welche Bedeutung hat Künstliche Intelligenz generell in der Bildverarbeitung?

Dehn: Wir unterteilen das Thema Künstliche Intelligenz in Machine Learning und Deep Learning. Gerade beim Deep Learning erleben wir aber erst die Anfänge. Es werden im Moment sehr hohe Erwartungen an die Technologie gestellt. Viele Kunden machen sich zu schnell auf diesen Weg. Doch Deep Learning stellt hohe Anforderungen an die Trainingsszenarien und Trainingsbilder. Daher muss man sich fragen: „Habe ich die? Und woher bekomme ich die?“ Außerdem muss man sich überlegen, was so eine Deep-Learning-Umgebung kosten darf. Denn die wird zwar günstiger, ist aber im Vergleich zu Machine Learning immer noch teuer. Der Aufwand, sich mit Deep Learning zu beschäftigen, zwingt Unternehmen zumindest mal auf eine Lernkurve, die länger ist, als viele denken. Wir versuchen, diese zu verkürzen, indem wir in unserer European Imaging Akademie Trainings anbieten und mit Kunden Projekte machen. Aber es gibt diesbezüglich noch viele Traum-schlösser. Alle unsere Kunden erwarten in der Qualitätssicherung eine hohe Stabilität – bei einer hohen Geschwindigkeit und Genauigkeit. Und Deep Learning bietet diese Stabilität oft nicht.

Sie sagen, dass viele Kunden sich beim Thema Deep Learning zu schnell auf den Weg machen. Was meinen Sie damit?

Dehn: Einige Kunden kommen auf uns zu und sind der Meinung, dass Deep Learning heute schon Standardund alles andere nicht zukunftsfähig ist. Es gibt Anwendungen, wo das der Fall ist – aber eben auch viele, wo dies nicht zutrifft. Wir raten Kunden, erst mal Erfahrungen mit dem Thema zu sammeln. Deep Learning erfordert Know-how-Aufbau – und auch die Bereitschaft, sich damit zunächst spielend auseinander zu setzen.

Was sind die Schwerpunkte in der Strategie von Stemmer Imaging?

Dehn: Wir bezeichnen uns als Technologiehaus. Das Zusammenbringen von Innovationen und Kerntechnologien – zwischen Hardware, Software und Mehrwertdiensten – dort sehen wir uns. Ein wichtiger Strategieblock ist, dass wir gemeinsam mit unseren Kunden Dinge entwickeln wollen, mit Methoden des agilen Co-Developments. Wir müssen Teillösungen – wir nennen es Subsysteme – anbieten, die Teilfunktionen der Bildverarbeitung erledigen. Es ist ein großer Trend, dass bestimmte Funktionen schon als Module zur Verfügung gestellt werden, die früher erst beim Kunden entstanden sind. Zum Beispiel Vision Guided Robotics, Bin Picking oder Farberkennung und Feuchtigkeitserkennung. Das sind alles Applikationen, die wir in Teillösungen zur Verfügung stellen können. Daneben wollen wir unsere Software-Kompetenz weiter stärken, wie wir das zum Beispiel durch unsere Beteiligung an Perception Park im Bereich Hyperspektral getan haben.

Auf welchen Technologiefeldern sehen Sie denn noch Lücken im Stemmer-Portfolio?

Dehn: Wir wollen Themen wie Embedded, 3D und Hyperspektral weiter vorantreiben. Es gibt im Bereich Embedded grundsätzlich im Markt noch viele Lücken zu schließen. Ich meine damit das Verständnis, was Embedded ist und welche Module dabei eine Rolle spielen. Darauf müssen wir Antworten finden, auch als Stemmer Imaging. Daneben gibt es Trends, die am Horizont erscheinen, wie zum Beispiel das Thema Terahertz. Darüber sprechen viele und sehen es als Kerntechnologie der Zukunft. Das ist ein Thema, das uns reizt und das wir beobachten. Wir haben es aber noch nicht im Portfolio.

Die Corona-Pandemie treibt jetzt schon seit einigen Monaten die Menschen und die Wirtschaft um. Welche Auswirkungen hat sie auf die Strategie von Stemmer Imaging?

Dehn: Wir glauben, dass durch Corona die Automatisierung in Europa zunehmen wird. Mit der Bildverarbeitung sind wir somit in der richtigen Branche. Außerdem werden wir eine größere Akzeptanz von technischen Innovationen erleben. Webkonferenzen, Corona-App, die Testmöglichkeiten – das alles hat der ganzen Gesellschaft noch mal klar gemacht, dass wir alle von Technologie und Innovation abhängig sind. Davon werden wir sicherlich profitieren. Allerdings steigt damit auch der Erwartungsdruck an noch kürzere Entwicklungszyklen. Innovationen aus dem Business-Development-Stadium müssen noch schneller in stabile Lösungen umgesetzt werden. Dabei geht es um agile Zusammenarbeit und Entwicklung. In diesem Zusammenhang möchte ich noch mal das Thema Cloud und Plattformökonomie ansprechen. Dezentrale Intelligenz bekommt eine große Bedeutung. Diesem Trend kann sich unsere Branche nicht mehr entziehen.

Vielen Dank für das Gespräch.

Stemmer Imaging AG
Gutenbergstraße 9–13
82178 Puchheim
Tel. +4989809020
www.stemmer-imaging.com


Der Autor

Markus Strehlitz

Redaktion

Quality Engineering


Zur Person

Arne Dehn ist seit März 2019 Vorstandsvorsitzender von Stemmer Imaging. Er trägt dabei die Verantwortung für die Bereiche Konzernstrategie und -entwicklung, Marketing, Produktmanagement, die Steuerung der Regionen, sowie Einkauf und Logistik, Finanzen, Investor Relations und M&A. Er ist seit über 20 Jahren in Führungspositionen bei Technologieunternehmen der Kommunikations- und Sensortechnologie tätig.

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