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„Wir machen Computertomographie wirtschaftlicher“

Interview mit Dr. Ralf Christoph, Werth Messtechnik
„Wir machen Computertomographie wirtschaftlicher“

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Durch die Corona- und die Automotive-Kreise verbuchte Werth im vergangenen Jahr erstmals seit langem kein zweistelliges Umsatzplus. Doch allmählich zieht die Nachfrage laut Geschäftsführer Dr. Ralf Christoph wieder an. Vor allem im Geschäft mit der Computertomographie (CT) spiele die Musik.

» Sabine Koll

Herr Dr. Christoph, wie sah bei Werth das vergangene Geschäftsjahr aus? Welchen Einfluss hatte die Corona- Pandemie auf das Geschäft?

Durch die Krise im Automobilbereich und die ersten Auswirkungen von Covid 19 können wir für 2020, anders als in den Jahren davor, leider keine zweistelligen Zuwachsraten vermelden. Durch die gute Ausgangslage war es uns jedoch möglich, die Effekte weitgehend zu kompensieren. Eine besondere Herausforderung stellten die Einschränkungen durch das Stornieren praktisch aller Messen dar. Auch unsere Service-Aktivitäten waren durch Reise- und Zugangsbeschränkungen behindert. So dürfen zum Beispiel unsere chinesischen Mitarbeiter noch immer nicht für Schulungen zu uns nach Deutschland einreisen. Auch wir mussten einiges mit Kurzarbeit kompensieren. Positives kann man der gesamten Situation sicher kaum abgewinnen.

Gibt es Unterschiede in Bezug auf die globalen Märkte und auf einzelne Branchen?

Insbesondere das internationale Geschäft ist durch die globalen Beschränkungen hinsichtlich Reisen und anderer Aktivitäten stark behindert. Das Inlandsgeschäft ist bei uns weniger betroffen, nicht zuletzt durch Zuwachs im Bereich CT.

Welches sind die wichtigsten Märkte für Werth?

Deutschland ist nach wie vor unser größter Einzelmarkt. Dahinter folgen gleichauf China und die USA. Das US-Geschäft lief vor allem vor der Corona-Pandemie sehr gut, wurde in den vergangenen zwölf Monaten natürlich leicht ausgebremst, zieht nun aber wieder an. Der chinesische Markt ist im Moment noch relativ ruhig. Wir sind aber optimistisch, dass er bald wieder anziehen wird.

Wie haben sich Umsatz und Auftragseingang in den ersten Monaten 2021 entwickelt?

Wir haben den Eindruck, dass die Talsohle zwischenzeitlich durchschritten ist und es langsam wieder etwas aufwärts geht.

Wie nehmen Sie im Moment die Nachfrage aus der Automobilindustrie wahr? Welchen Stellenwert hat die Branche für Werth? Welche Ihrer Lösungen sind für den Strukturwandel zur E-Mobilität geeignet?

Prinzipiell sind hierfür sowohl Multisensorik als auch CT geeignet. Die Automobilindustrie hat jedoch in der letzten Zeit sehr zurückhaltend investiert, es kommen dennoch einzelne Projekte die mit der Umstellung auf Elektroantriebe zusammenhängen. Insgesamt sind wir jedoch unter den gegebenen Bedingungen froh, dass wir nicht so stark von der Automobilwirtschaft abhängig sind.

Ist die Nachfrage aus der Medizintechnik gestiegen?

Die Nachfrage im Bereich Medizintechnik steigt seit einigen Jahren. Mit der Coronakrise hat dies wahrscheinlich weniger zu tun. Im Gegenteil – es gab auch in dieser Branche negative Effekte durch die Pandemie. Viele medizinische Behandlungen wurden aufgrund von Vorsicht oder Beschränkungen nicht durchgeführt und somit ist die Nachfrage nach bestimmten Produkten gesunken. Insgesamt ist diese Branche jedoch ein Wachstumsmarkt.

Welche anderen Branchen sind für Ihr Unternehmen wichtig?

Unsere Koordinatenmessgeräte sind aufgrund ihrer Flexibilität im gesamten verarbeitenden Gewerbe vertreten. Neben der Medizintechnik und Automobilindustrie ist für uns die Telekommunikation und die Konsumgüterproduktion besonders wichtig. Der größte Anteil stammt jedoch von den vielen anderen Wirtschaftszweigen.

Die Messtechnik wandert in beziehungsweise an die Fertigung. Ist das ein Thema für Werth? Und was bedeutet das konkret für Ihre Messtechnik?

Für einen großen Teil unserer Anwendungen trifft dies zu. Unsere Messgeräte werden in diesem Zusammenhang zum Beispiel durch Robotertechnik mit Fertigungsstraßen verbunden. Das Lösen von Problemen wie Verschmutzung und Temperaturschwankungen stellen hierbei besondere Herausforderungen dar. Auch ist die Bedienerphilosophie auf die Mitarbeiter in der Fertigung anzupassen. Insgesamt sind die Erwartungen der Anwender an die Inline-Messtechnik sehr hoch, zum Teil auch unrealistisch – auch wenn sich die Messgeschwindigkeit in der Koordinatenmesstechnik mit CT innerhalb weniger Jahre um circa den Faktor 10 erhöht hat.

Ist Multisensorik ein Thema für die Fertigung? Wenn ja – welche Voraussetzungen müssen die Messgeräte in dem Fall erfüllen?

Multisensorik ist insbesondere dann ein Thema, wenn es um das schnelle Messen ausgewählter Merkmale mit hoher Genauigkeit geht. Hier hat die Kombination zwischen verschiedenen optischen Sensoren und der konventionellen taktilen Messtechnik ihre Vorteile. Auch die Kombination der Multisensorik mit CT kommt zum Einsatz

Bei der CT haben Sie sich in jüngster Zeit vor allem auf kleine Werkstücke fokussiert. Mit welchem Erfolg?

Ja, wir haben uns in den vergangenen zwei Jahren bei Neuentwicklungen vorrangig auf kleinere CT-Geräte konzentriert. Wir haben hier Nachholbedarf gesehen, der sich hauptsächlich auf die Wirtschaftlichkeit der Systeme bezieht. Daher haben wir in der jüngsten Zeit insbesondere Geräte mit hoher Verfügbarkeit zum akzeptablen Preis realisiert. Mit unserem aktuellen Tomoscope XS FOV haben wir erneut einiges erreicht. Mit etwas mehr als 100.000 Euro liegt der Preis deutlich unter dem vergleichbarer Geräte. Genauigkeitsfragen wurden dabei entsprechend des Rufs unseres Unternehmens nicht vernachlässigt.

Sie haben gemeinsam mit Partnern die Röhrentechnik optimiert. Sind hier oder bei anderen Komponenten noch weitere Fortschritte zu erwarten?

Unsere bevorzugt eingesetzten Röntgenquellen zeichnen sich im Vergleich zu anderen durch etwa fünffache Leistung – und somit Messgeschwindigkeit – bei gleicher Auflösung aus. In den letzten Jahren haben wir uns auch auf Verschleißreduzierung konzentriert und konnten den Wartungszyklus für die meisten Varianten auf zwölf Monate, wie in der Koordinatenmesstechnik üblich, verlängern. Durch Reduzierung der Stillstandszeiten und der Serviceaufwände trägt dies zur Kostensenkung bei. Der Schwerpunkt liegt sicher auch für die Zukunft in der Weiterentwicklung der röntgenspezifischen Komponenten.

Inwiefern ist die Simulation bei CTs mittlerweile ein Thema für die Kunden? Was bieten Sie hier an?

In der aktuellen Version unserer Messsoftware Winwerth, die gerade in den Markt eingeführt wird , ist die weitgehend vollständige Simulation der CT integriert. Dies dient unter anderem dazu, schon bei der Offline-Programmierung die verschiedenen Effekte zu visualisieren. Ausgehend von zum Beispiel CAD-Daten kann der Anwender den Einfluss der Parameter-Einstellung bewerten. Im Ergebnis sind die Programme für das Koordinatenmessgerät mit CT fertig, bevor die ersten Werkstücke produziert werden.

Auch andere Unternehmen haben den CT-Bereich in den vergangenen Jahren aus- beziehungsweise aufgebaut. Wächst der Markt für CTs? Wenn ja, für welche Anwendungsfelder vor allem?

Wir waren zwar im Jahr 2005 die ersten mit einem speziell für die Koordinatenmesstechnik entwickelten Gerät mit Röntgen-CT, allein bleibt man bei so einer Technik jedoch leider nie. Der Wettbewerb befruchtet allerdings auch das Geschäft. Aus unserer Sicht wächst der Markt für Koordinatenmesstechnik mit CT in vielen Feldern, insbesondere aber im Bereich der Kunststofffertigung.

Die Qualitätssicherung additiv gefertigter Bauteile ist ein Bereich, in dem CTs ihre Vorteile ausspielen. Warum ist das so aus Ihrer Sicht?

Die additive Fertigung und die Koordinatenmesstechnik mit Röntgen-CT könnte man gut als Zwillinge bezeichnen. Beide Technologien bieten die Besonderheit, dass komplexe Werkstücke nahezu ohne Einschränkungen produziert beziehungsweise gemessen werden können. Hinterschnitte und Hohlräume stellen kein nennenswertes Problem dar. Auch der Detaillierungsgrad der Werkstücke erhöht den Aufwand nur gering. Alternative Messtechnik mit vergleichbarer Qualität ist, zumindest für den Innenbereich der Werkstücke, aus unserer Sicht derzeit nicht verfügbar. Optische Verfahren sind für einige Fälle einsetzbar, jedoch aufgrund des Wirkprinzips etwas eingeschränkt. Mit Licht kann man nicht um die Ecke sehen.

Vor allem in der industriellen Bildverarbeitung ist die Nutzung von Künstlicher Intelligenz (KI) bereits in der Praxis angekommen. Wo sehen Sie Potenzial für KI in der Messtechnik?

Wir befassen uns seit einigen Jahren in Forschung und Entwicklung mit dem Thema Künstliche Intelligenz. Aktuell setzen wir KI zum Beispiel für Algorithmen im Bereich der Röntgen-CT ein, etwa für die Artefakte-Korrektur. Hier ist sicher in der Zukunft noch einiges zu erwarten.

Auch Automation ist ein großes Thema für die Anwender in der Qualitätssicherung. In wie weit ist dies aktuell und künftig ein Thema für Werth?

Wie vorhin schon erwähnt, ist die Integration unserer Koordinatenmessgeräte ein wichtiger Themenschwerpunkt. Insbesondere im Bereich der CT ist hier einiges in Bewegung.

Wo sehen Sie den Platz von Werth in einem Markt, in dem die größten Player durch Zukäufe weiter wachsen? Eröffnet das für Sie neue Chancen?

Wir haben es in den vergangenen Jahren geschafft, auch ohne Zukäufe meist mit zweistelligen Raten zu wachsen. Innovationen und das flexible Eingehen auf Kundenwünsche sind oft wichtiger als die Unternehmensgröße. Wir prüfen auch regelmäßig, ob Akquisitionen für uns infrage kommen. Doch sind wir dabei vorsichtig, weil es im Zuge der Integration eines neuen Unternehmens immer zu Reibungsverlusten kommt. Für die Innovationsrate insgesamt bleibt es wichtig, wirtschaftliche Rahmenbedingungen so zu gestalten, dass mittelständische Unternehmen gestärkt werden. Wir hoffen, dass die Politik hier die richtigen Wege geht.

Die Control fällt in diesem Jahr erneut aus. Was sind Ihre beiden wichtigsten Neuentwicklungen, die Sie dort vorgestellt hätten?

Die Absage der Control bedauert das Werth-Team sehr. Als „Messeneuheit“ bringen wir jetzt zwei Messgeräte auf den Markt. Zum einen gibt es eine neue Version des Tomoscope XS FOV, also eines kompakten Geräts mit CT. Hier haben wir insbesondere wieder die Anforderungen an das Preis-Leistungsverhältnis berücksichtigt und sowohl die Leistung als auch die Auflösung verbessert. Im Bereich der Multisensor-Koordinatenmesstechnik gibt es mit dem neuen Scopecheck FB außerdem ein Gerät mit drei unabhängigen Z-Achsen. Hierdurch ist der ergonomische Einsatz verschiedener Sensorprinzipien gewährleistet.

Werth Messtechnik GmbH
Siemensstraße 19
35394 Gießen
Tel. +4964179380
www.werth.de

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