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Digitalisierung mit Handbremse

Konformitätsbewertung
Digitalisierung ja, aber mit angezogener Bremse

Digitalisierung ja, aber mit angezogener Bremse
Noch viel Papierarbeit: Konformitätsbewertungsstellen schöpfen die Potenziale der Digitalisierung nicht aus. Bild: Blanscape/stock.adobe.com
Die deutschen Konformitätsbewertungsstellen sehen die digitale Transformation durchweg positiv, zeigt eine Umfrage der Bundesanstalt für Materialforschung und -prüfung. Allerdings nutzen viele der befragten Organisationen digitale Technologien nur sehr eingeschränkt – vor allem für ihre Services.

» Sabine Koll

Die Digitalisierung treibt die Prüf- und Kalibrierlaboratorien, Inspektions- und Zertifizierungsstellen in Deutschland noch nicht lange um: Jede zweite Konformitätsbewertungsstelle hat erst in den vergangenen fünf Jahren begonnen, sich damit zu beschäftigen; nur 20 % haben dies bereits vor mindestens zehn Jahren getan. Dennoch nehmen sie die Digitalisierung positiv wahr: Mehr als 80 % der Konformitätsbewertungsstellen sehen in der Digitalisierung eher eine Chance als eine Bedrohung, sowohl für die eigene Organisation als auch für die gesamte Branche. Dies belegt die sogenannte QI-Fokus-Studie der Bundesanstalt für Materialforschung und -prüfung (BAM), die erstmals Einblicke zum Stand der Digitalisierung in Konformitätsbewertungsstellen in rund 20 Ländern weltweit gibt. Durchgeführt wurde die Erhebung in Kooperation mit der Technischen Universität Berlin, dem Fraunhofer-Institut für System- und Innovationsforschung und der Universität im neuseeländischen Canterbury. In Deutschland wurden dafür 354 Konformitätsbewertungsstellen befragt. Drei Viertel davon sind Prüflaboratorien, gefolgt von Kalibrierlaboratorien und Zertifizierungsstellen. Die von ihnen bedienten Kunden kommen hauptsächlich aus dem verarbeitenden Gewerbe.

Welche Motive haben die Konformitätsbewertungsstellen in Deutschland, wenn sie sich mit der Digitalisierung befassen? Nach der BAM-Studie sind Prozessoptimierung und Effizienzsteigerung die Hauptziele. Tatsächlich gehören schnellere und kostengünstigere interne Prozesse zu den größten und am häufigsten tatsächlich realisierten Auswirkungen – jedoch noch nicht im anvisierten Umfang. Hingegen sind marktseitige Ziele wie zum Beispiel Umsatzsteigerungen oder die Erschließung neuer Geschäftsfelder keine Treiber – entsprechend gering die realisierten Effekte auf Umsatz und Neukundengewinnung. Die Zufriedenheit von Bestandskunden hingegen sehen viele Befragte verbessert, ebenso die Nachhaltigkeit der eigenen Organisation.

Erwartungen an die
Digitalisierung erfüllt

60 % der Befragten geben an, dass sich ihre Erwartungen an die Einführung digitaler Prozesse und Technologien weitgehend oder vollständig erfüllt haben; weitere 27 % sehen sie teilweise erfüllt. Nur 7 % sehen ihre Erwartungen überhaupt nicht erfüllt; allerdings ist nur jeder Vierte von ihnen pessimistisch, dass dies so bleiben wird. Die meisten anderen sind zuversichtlich, dass ihre Erwartungen mittel- oder zumindest langfristig noch erfüllt werden.

Befragt nach den Hürden der digitalen Transformation, nennen die meisten an erster Stelle zeitliche Beschränkungen bei der Bewältigung, gefolgt von der allgemeinen Komplexität dieses Themas. Auch technische Aspekte wie fehlende Standards und/oder Schnittstellen und mangelnde Kompatibilität sind für viele Konformitätsbewertungsstellen ein Thema. Mangelnde Offenheit und Bereitschaft der Mitarbeiter oder Unklarheit über den Nutzen stellen dagegen keine großen Hürden dar.

Laut der Studie ist der Stand der Digitalisierung bei den Konformitätsbewertungsstellen in Deutschland sehr unterschiedlich: Während fast jede fünfte Organisation gerade erst begonnen hat, sich mit dem Thema auseinanderzusetzen, haben 27 % einzelne kleinere Projekte gestartet und 31 % bereits übergreifende Projekte umgesetzt. 17 % geben an, die Digitalisierung in die gesamte Organisation integriert zu haben.

„Obwohl sich die meisten Digitalisierungsaktivitäten auf interne Prozesse und Kommunikation beziehen, ist auch die Verbesserung von Konformitätsbewertungsaktivitäten ein relevanter Bereich“, stellt Dr. Claudia Koch fest, wissenschaftliche Mitarbeiterin der BAM und Projektleiterin der Studie. „Allerdings wird die Digitalisierung derzeit nur selten genutzt, um das Angebot an Konformitätsbewertungs-Dienstleistungen zu erweitern und noch seltener, um neue Geschäftsmodelle einzuführen.“ Zwar werden die Ergebnisse der Konformitätsbewertungen von der Mehrheit überwiegend oder vollständig digital bereitgestellt; die Verfahren selbst sind allerdings seltener digitalisiert.

Im Vergleich zu anderen Organisationen, die zu den direkten Stakeholdern zählen, schätzen die Prüflabore und Co. ihren digitalen Status im Durchschnitt jedoch als mindestens gleich gut oder besser ein – vor allem im Vergleich zu zuständigen Behörden und der Akkreditierungsstelle.

Die BAM hat ein digitales Reifegradmodell speziell für die Branche entwickelt, das sieben Dimensionen berücksichtigt, die wesentlich sind bei der digitalen Transformation der Organsiationen: von technologischen über strategische, organisatorische, bis hin zu kulturellen Aspekten. Die Ergebnisse des Reifegradmodells zeigen, dass sich der Status der Konformitätsbewertungsstellen in den verschiedenen Dimensionen noch stark unterscheidet: Am weitesten fortgeschritten schätzen sich die befragten Organisationen bei Themen rund um „IT & Prozessdigitalisierung“ ein, gefolgt von „Kultur und Expertise“. Den größten Nachholbedarf gibt es in den Bereichen „Organisation & Change Management“, „Innovation“ und „Kollaboration“ – obwohl sich die Befragten eigentlich deren hoher Relevanz bewusst sind. „Dieses Muster ist typisch“, erklärt Koch. „Digitale Transformation in Organisationen beginnt mit der Einführung von Technologien und entwickelt sich zu einer impliziten ganzheitlichen organisatorischen Umgestaltung.“

Allerdings kennen die befragten Konformitätsbewertungsstellen viele moderne digitale Technologien entweder gar nicht oder nutzen sie nicht für ihre Arbeit. Jedem fünften Befragten sagten beispielsweise Blockchain-Technologien nichts. Noch unbekannter sind nur Digitale Zwillinge. Am weitesten verbreitet ist die Nutzung mobiler Technologien. Auch Cloud-Computing-Technologien und eingebettete IT-Systeme werden genutzt.

Viele Aufgaben werden
remote erledigt

Drei von fünf befragte Organisationen verwenden Remote-Methoden für ihre Konformitätsbewertungs-Aktivitäten. Fast 50 % führen dabei bis zur Hälfte ihrer Tätigkeiten remote durch. Mehr als jede dritte Organisation erledigt weniger als 10 % remote und nur sehr wenige von ihnen, nämlich 4 %, haben komplett umgestellt. Dabei sind Videokonferenzen das am häufigsten verwendete Instrument für die Remote-Arbeit, während Wearables, Drohnen oder Virtual Reality noch selten eingesetzt werden. Hybride Methoden sind die vorherrschende Art bei den von den Konformitätsbewertungsstellen genutzten Remote-Verfahren. Als größte Hürde bei der Nutzung von Remote-Verfahren wird mangelnde zwischenmenschliche Interaktion genannt. Aber auch praktische Aspekte wie die Bedingungen vor Ort oder Beeinträchtigungen der Audit- oder Prüfqualität werden als mögliche Hindernisse wahrgenommen.

Die Corona-Pandemie hat die digitale Transformation der Branche beschleunigt, belegt die Studie: 82 % der Konformitätsbewertungsstellen haben in dieser Zeit neue digitale Technologien für interne Prozesse eingeführt, 29 % neue digitale Dienstleistungen und Produkte für ihre Kunden, 9 % sogar neue digitale Geschäftsmodelle.

Bundesanstalt für Materialforschung und -prüfung (BAM)
Unter den Eichen 87
12205 Berlin
www.bam.de


Zur Studie

Die Ergebnisreports zur Digitalisierung in der Konformitätsbewertung der teilnehmenden Länder stehen hier zum Download bereit:

Prozessoptimierung und Effizienzsteigerung sind die Hauptziele, wenn in Digitalisierung investiert wird.
Bild: BAM
Am weitesten verbreitet ist die Nutzung mobiler Technologien. Auch Cloud-Computing-Technologien und eingebettete IT-Systeme werden genutzt.
Bild: BAM
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